„Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie sprechen will, soll über religiösen Fundamentalismus schweigen“ – Slavoj Žižek über das Massaker in Paris

So what about the core values of liberalism: freedom, equality, etc.? The paradox is that liberalism itself is not strong enough to save them against the fundamentalist onslaught. Fundamentalism is a reaction – a false, mystifying, reaction, of course – against a real flaw of liberalism, and this is why it is again and again generated by liberalism. Left to itself, liberalism will slowly undermine itself – the only thing that can save its core values is a renewed Left. In order for this key legacy to survive, liberalism needs the brotherly help of the radical Left. THIS is the only way to defeat fundamentalism, to sweep the ground under its feet.

To think in response to the Paris killings means to drop the smug self-satisfaction of a permissive liberal and to accept that the conflict between liberal permissiveness and fundamentalism is ultimately a false conflict – a vicious cycle of two poles generating and presupposing each other. What Max Horkheimer had said about Fascism and capitalism already back in 1930s – those who do not want to talk critically about capitalism should also keep quiet about Fascism – should also be applied to today’s fundamentalism: those who do not want to talk critically about liberal democracy should also keep quiet about religious fundamentalism.

aus:Slavoj Žižek on the Charlie Hebdo massacre: Are the worst really full of passionate intensity?

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Der Russe in mir: Tschick

Ich habe mir dieses Buch nicht selbst gekauft, und wenn das entschuldigend klingt, enthält dies einen Kern Wahrheit. Ich bin immer zurückgeschreckt von der gehypten und de-gehypten jungen deutschen Literatur, die mir zu gewollt und nicht gekonnt genug vorkam, habe ein  schales Unbehagen empfunden gegenüber den Themen und Protagonisten gegenüber, die in ihrer grellen Individualität alle gleich sind, so plastisch, so wenig widersprüchlich, Pappfiguren einer Schreibschule, an die man hier und dort ein Ohr, eine Nase, eine besonders authentische Besonderheit geheftet hat…

Tschick war nicht anders. Dieser Einband, gelayoutet wie ein Kino-Plakat. Die seitenlangen Auszüge aus vor Lob überquellenden Rezensionen – hat sich irgendjemand Gedanken darüber gemacht, welche unerreichbaren Erwartungen solch ein Einstieg an einen Text hervorrufen, Erwartungen, denen die meisten großen Werke kaum gerecht werden dürften, noch weniger aber ein spürbar rasch geschriebenen, kaum redigierter kleiner Band? Und dann dieser gekünstelt jugendliche Stil – umgangssprachlich zu schreiben, ist immer ein großes Risiko, und umgangssprachliche Jugendsprache zu schreiben, ein noch viel größeres, denn was üblich und in ist ändert sich jährlich, monatlich, stündlich, und schon beim Erscheinen, spätestens aber nach einigen Jahren läuft die Sprache Gefahr eher Schmunzeln oder abschätziges Gelächter denn Bewunderung ob ihrer Authentizität hervorzurufen.  – und schon der Einband mit diesen grellen Farben, die seitenlangen Auszüge aus vor Lob überquellenden Rezensionen.

Einmal geschenkt bekommen und gelesen, hat mich das Buch dennoch lange beschäftigt. Nicht das Buch als ganzes, vielmehr die Person des Tschick, und die Implikationen, die die Darstellung dieser Person hat. Tschick ist Russe, und dieses Russisch-Sein ist die ganze Geschichte über mehr oder weniger die einzige Eigenschaft, die ihm zugestanden wird. Russisch, das ist in seinem Fall weniger Sein als Sein-Sollen. Tschick, das ist vom ersten Moment an klar, ist eine Projektion. Eine rassistische, eine Sehnsuchtsprojektion. Der Ich-Erzähler, der gelangweilte Junge aus dem wohlhabenden, aber zerrütteten Elternhaus, mag ein Alter ego des Autors sein oder eine Erfindung, er ist in jedem Fall eine Gestalt, er hat eine Geschichte, einen Charakter, auch er ist glatt, hat zu wenig Widersprüche, um tatsächlich wirklich, menschlich zu werden, aber immerhin: Er ist als handelnde Gestalt erkennbar.

Tschick hat nichts. Nicht nur in einem monetären Sinn – man erfährt von ihm, dass er in einer Neubau-Siedlung wohnt, er trägt alte Klamotten, hat kaum Besitzt, er ist, auch wenn das nicht genannt wird, sicherlich Sozialhilfeempfänger, Spätaussiedler, Asylbewerber, ein geflohener. Das könnte interessant sein, aber es wird nicht interessant, denn Tschick existiert nicht. Er existiert nicht jenseits eines Klischees. Er hat keine Eigenschaften, keine Geschichte, er ist nirgendwo verwurzelt, hat keinerlei Verbindungen. (Die letzten Verbindungen, die er offenbar hatte, zu seiner Familie, die nicht einmal erwähnt wird, wird zum Schluss auch noch gekappt: Tschick wird vom Jugendamt in ein Heim gebracht). Woher genau kommt er, wie er nach Deutschland gekommen ist, was seine prägenden Erfahrungen waren, was er fühlt – nichts darüber. Die Aussage Tschicks angesichts des tragischen Verliebtseins des Ich-Erzählers: „Du hast ja Gefühle!“ wird umgekeht nie getroffen, die Frage danach wird nicht einmal gestellt. Tschick bleibt eine Black-Box. Und das muss er sein, denn nur so funktioniert er als das Gegenüber, als die Rolle, die er für den Ich-Erzähler spielt. Er ruft den wilden, freien Osten an, die weiten, unbekannten Flächen, die es noch zu entdecken gilt, er ist der Katalysator für den Ausbruch des Ichs aus der engen bürgerlichen Welt. Diese koloniale Projektion – die Kolonie ist wie der Kolonialisierte blank, weiß, hat keine Geschichte, sie muss erst entdeckt und „beschrieben“ werden, und zugleich fasziniert sie das als das „Andere“, das Exotische, das Außen der bürglichen Welt mit ihren Zwängen und Regeln. Noch deutlicher als im Falle Tschick wird das im Fall der jungen Osteuropäerin, die die beiden Ausreißer auf einer Müllhalde (!) treffen: Auch sie mehr ein Klischee, mehr eine (Jugend)Phantasie denn ein Mensch: rotzfrech, blond, irgendwie dreckig und sexuell äußerst freizügig, auch sie hat keine Geschichte, keine Heimat, keinen Beziehungen, keinen Besitz, sie reist einfach so herum, sie kommt aus dem Nichts und geht zurück ins Nichts, nicht ohne vorher von dem Ich-Erzähler „gewaschen und sauber angezogen“, sprich, zivilisiert zu werden und ihm im Gegenzug zu seinem ersten sexuell-emotionalen Erlebnis zu verhelfen. Ist sie eine (Jugend)Phantasie, so ist Tschick  der unbewusste Teil des Ich-Erzählers, der, nach draußen projiziert, den Anstoß gibt, all die Bedürfnisse auszuleben, die er bisher unterdrückt hat: ein radikales Ausbrechen, Überschreiten der (legalen) Grenzen, ein Austesten, eine sinnbildliche Fahrt in die unbekannte Weite. Tschick erzählt nichts, gar nichts über den russischen Flüchtling, aber alles über die innere Zerrissenheit, über die unausgelebten Sehnsüchte einer Jugend im bürgerlichen Milieu.

Und auch das könnte noch spannend sein, wenn es denn an Dynamik, an Fahrt gewinnen könnte. Ähnlich wie in Fight Club, wo der schüchterne Held seiner eigenen, aggressiv-männlichen Seite gegenübertritt – zunächst verleugnend, schließlich im offenen Kampf – liegt hier der Kern zu großer, ja existentieller Dramatik. Aber selbst in der projizierten Beschreibung des Ausbrechens bleibt der Autor, zerfressen von bürgerlicher Moral, gehemmt. Das Drama darf sich nicht entfalten, denn den Osteuropäern, selbst in Form einer Projektion, werden keine dunklen Seiten zugestanden, sie dürfen Klischee sein, sie dürfen platt sein, aber in einschränkender Korrektheit. Tschick knackt Autos, er trinkt, er kommt offenbar aus einer völlig zerrüttenen, kriminellen Familie, aber davon bleibt nichts, aber auch gar nichts an seiner Gestalt hängen. Er ist immer leise, sensibel, verständig, lebensklug, er hat zuletzt nicht einmal Probleme, sich dem ihm erst seit wenigen Tagen bekannten Mitschüler zu outen. Während seine äußere Gestalt – der „Russe“ der Autos knackt und das bürgerliche Leben sprengt – die Rebellion bedeutet, bleibt seine innere Gestalt das brave Ideal des lieben weißen Jugendlichen und nimmt damit dem spannenden (Gedanken)Experiment des innerdeutschen Roadmovies jede Tiefe. Den aufblinkenden Gestalten aus dem Osten, den inneren „Anderen“ in der Geschichte auch dunkle, widersprüchliche Seiten zuzugestehen, würde sie zu Menschen machen, und würde zugleich das sorgsam kontrollierte Ausbrechen tatsächlich zu einer radikalen Erfahrung machen, eine Erfahrung, die eben jene dunklen, tragischen, aggressiven oder traurigen Seiten der Existenz einschließen würde.